Wie kann man die Schule im Dorf lassen?

Bildung

Die Kreisvorsitzende Bettina Blöhm (3.v.l.) mit ihren SPD-Experten zum Thema „Bildung und ländlicher Raum“(v.l.): Schriftführer Florian Maurer, Bgm. Max Köberl, Sozialpädagoge Benjamin Lettl, AfB-Vorsitzende Marion Winter, stellv. AfB-Vors. Herbert Lohmeier, Bundestagskandidatin Rita Hagl-Kehl, Ministerialrat a.D. Gerd Möller, 3.Bgm. Werner Eigenschenk, Bezirksrätin Gudrun Peters

 

Diskussionsveranstaltung zum SPD-Konzept der Gemeinschaftsschule
 

Zu einer offenen Diskussionsveranstaltung hatte der SPD-Kreisverband mit seiner Vorsitzenden Bettina Blöhm und der Unterbezirksvorsitzenden und Bundestagskandidatin Rita Hagl-Kehl, die selbst am Gymnasium Freyung unterrichtet, am Mittwoch die Schulleiter der Schulen im Landkreis, die Bürgermeister, die Elternvertreter sowie die Vertreter der Lehrerverbände eingeladen. Im Einstiegsreferat wurde von Gerd Möller, Ministerialrat a. D., zunächst einmal anhand von zahlreichen Statistiken erläutert, dass in der BRD und insbesondere in Bayern der Bildungserfolg vom sozialökonomischen Status des Elternhauses abhängt und nicht von der Intelligenz der Kinder. So erlangen von jeweils 100 Kindern aus Akademikerhaushalten 71 den Hochschulzugang, von derselben Anzahl Kindern aus Familien mit keinem akademischen Beruf sind dies nur 24.

Des Weiteren räumte Möller mit den „4 Mythen“ des deutschen Schulsystems auf. So sei unser Schulsystem nicht begabungsgerecht gegliedert, was man anhand der Normverteilung der Intelligenz sehen kann, sondern noch immer das Abbild der ständisch gegliederten Gesellschaft des 19. Jahrhunderts und deshalb nicht mehr zeitgemäß. Auch konnte in vielen Studien wiederlegt werden, dass Kinder in leistungshomogenen Lerngruppen einen höheren Lernerfolg erzielen. Besonders begabte Schüler würden durch die Selektion genauso gebremst wie schwächere Schüler. Gerade die frühe Selektion nach der 4. Klasse, die es neben der BRD noch in Österreich gibt und aus der Zeit der NS-Diktatur stammt, fördert nicht die Entwicklung der Kinder, sondern bremst diese. Auch der Mythos der Durchlässigkeit unseres Schulsystems konnte mit konkretem Zahlenmaterial widerlegt werden. Neben der sozialen Benachteiligung stand im Vordergrund des Abends die Benachteiligung des ländlichen Raums. So wechseln im Landkreis Freyung-Grafenau viel weniger Schüler an ein Gymnasium als im Bereich der großen Städte in Bayern. In Niederbayern treten nur 32 % eines Jahrgangs an ein Gymnasium über, obwohl die Empfehlung hierfür 46 % erhalten haben. Dass dies nicht an der mangelnden Befähigung liegen kann, zeigen Vergleichsstudien wie der VERA-Test oder die IGLU-Studie, bei denen die Stadtkinder schlechter abschnitten als die Landkinder.

Ebenfalls besorgniserregend zeigt sich der Rückgang der Schülerzahlen insgesamt im ländlichen Raum. So prognostiziert das Statistische Landesamt bis 2020 einen Rückgang von 26,5 % der Schüler im Vergleich zum Jahr 2010 im Landkreis. Da zum jetzigen Zeitpunkt bereits viele Schulstandorte gefährdet sind oder bereits geschlossen werden mussten, lässt dies darauf schließen, dass in Zukunft weitere Mittelschulstandorte in ihrer Existenz bedroht sind. Nachdem im Landkreis fast alle Schulen mit einem hohen Kostenaufwand der Kommunen in den letzten Jahren modernst saniert wurden, stehen viele bereits leer bzw. werden für andere Zwecke genutzt. Die Unterbezirksvorsitzende und Bundestagskandidatin Rita Hagl-Kehl sagt dazu, dass es ihr in der Seele weh tue, wenn sie mit ansehen müsse, wie hier unsere Steuergelder sinnlos verprasst wurden und gleichzeitig kaum Geld für andere dringende Infrastrukturmaßnahmen wie den Straßenbau vorhanden sind. Das Lösungsmodell der wohnortnahen Schule, die zu allen Abschlüssen führt, stellte im Folgenden die bayerische Vorsitzende des Arbeitskreises für Bildung (AfB) und Landtagskandidatin, Marion Winter aus Eggenfelden, vor. Das Gemeinschaftsschulmodell der Bayern-SPD sei dabei nicht mit dem Modell der Gesamtschule zu verwechseln, wie dies häufig gemacht wird. Auch soll hierbei keine Differenzierung nach Leistungsgruppen vorgenommen werden, was kürzlich fälschlicherweise von der Vereinigung der Realschullehrer und dem entsprechenden Landeselternverband in der PNP behauptet wurde. „Wir wollen eine völlig neue Art der Schule, in der die Schüler individuell gefördert und gefordert werden und in der besonders auf das selbstständige Lernen und den Erwerb von Kompetenzen geachtet wird.“ Einig war sie sich mit den anwesenden Lehrern, dass hierzu eine Reform der Lehrerausbildung dringend erforderlich sei. Dass die momentane Selektierung nicht dazu führt, dass jedem Kind gerecht wird, zeigt allein schon der am stärksten wachsende Wirtschaftszweig der Nachhilfe und das ständig größer werdende Angebot an Übungs- und Vorbereitungsbüchern.

Eltern sollen nach dem Konzept der Bayern-SPD wählen können, ob sie ihr Kind nach der 4. Jahrgangsstufe ans Gymnasium oder die Realschule schicken wollen, oder ob das Kind am Heimatort eine Gemeinschaftsschule besucht, die es nach der 10. Klasse mit der mittleren Reife oder nach 13 Jahren mit dem Abitur verlässt. Die Lehrpläne orientieren sich hierbei an denen des Gymnasiums. Bereits ab 200 Schülern ist es möglich, eine solche Gemeinschaftsschule an einem Schulort zu etablieren. Natürlich müsse man hierfür Geld in die Hand nehmen, weil man mehr Lehrer, Sozialpädagogen und Erzieher an den Schulen braucht, doch auch die zu erfüllende Anforderung der EU zur Inklusion seien in diesem Konzept bereits mit verarbeitet, erläuterte Winter. „Wir haben in Deutschland keinen wichtigeren Rohstoff, als die Hirne unserer Kinder!“, brachte die AfB-Vorsitzende plakativ ihre Meinung zum Ausdruck.

„Besonders wichtig erscheint mir die Tatsache, dass wir damit die Schulen in den Dörfern lassen können, damit diese auch für junge Familien attraktiv bleiben und wir damit die Abwanderung aus dem Bayerischen Wald stoppen können.“, brachte Rita Hagl-Kehl ihrer Hoffnung zum Ausdruck. Der Bundestagskandidatin liege dieses Konzept besonders am Herzen, da sie einst selbst eine „Verliererin“ der frühen Selektion war und trotz guter Noten nicht das Gymnasium sondern die Hauptschule besuchen musste. „Ich weiß, wie mühsam der 2. Bildungsweg ist und möchte dies möglichst vielen Kindern ersparen.“ So hätten mit diesem Konzept die Eltern eine „echte Wahlfreiheit“ zwischen 12 oder 13 Jahren bis zum Abitur und von den Kindern würde der Druck genommen, unbedingt den Übertritt schaffen zu müssen. Die Kreisvorsitzende Bettina Blöhm zeigte auf, welche Belastungen die Schülertransporte für die Kinder und auch für die Kommunen bedeuteten: „Das Geld wäre besser in genügend Lehrkräfte investiert und unsere Schulhäuser würden nicht lehrstehen.“ Den anwesenden Gemeinderäten und Bürgermeistern sprach sie damit aus der Seele.

 

 

 
 
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